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Typhusstation

 

Schreckenszeit: Typhus

 

 

Von Spätsommer 1945 bis Mitte des folgenden Jahres wurden die eisernen Schmachtenhagener Kirchenglocken auch immer dann geläutet, wenn in der Typhus-Isolierstation „auf dem Berg“ jemand gestorben war.

 

Das Totengeläut war wenige Monate nach dem Schweigen der Waffen häufiger zu hören, als einst das Gejaule der Sirenen bei Fliegeralarm.

 

Die Typhus-Station befand sich auf dem Gelände der heutigen Maschinenfabrik am Stegeweg in der massiven, ehemaligen Fremdarbeiterbaracke, die heute ein Wohnhaus ist.

 

Eine Gruppe beherzter Krankenschwestern und eine Rotkreuzhelferin standen der Gemeindeschwester unter zeitweiliger Anleitung des Oranienburger Arztes, Dr. Becker, bei der Betreuung der Schwerkranken zur Seite.

 

Sie taten ihr Bestes, doch es fehlte an Desinfektionsmitteln, an Medikamenten und sonstigen hygienischen Voraussetzungen, die zur Behandlung einer so heimtückischen Infektionskrankheit notwendig waren. Die Arbeit war gefährlich, wurde aber dennoch ehrenamtlich ausgeführt, sieht man von dem Teller Suppe ab, die die Schwestern löffelten, falls von dem gekochten Mahl etwas übrig blieb, das aus den Spenden der Bauern zubereitet worden war.

 

Bei dem Glockengeläut weinten empfindsame Seelen in den Zimmern still in ihre Kissen hinein.

 

Die Krankenschwestern und Helferinnen bedauerten ihre Hilflosigkeit und gaben ihr Letztes, wenn sie aus einer Krankenstube mit der Fahrradklingel um Hilfe gerufen wurden. Manchmal hatten sie Not, die fiebernden Kranken festzuhalten, wenn diese mit ungeahnten Kräften durchs geschlossene Fenster nach Hause wollten. Als Fiebersenker standen nur Wadenwickel und feuchte Tücher auf der Stirn zur Verfügung.

 

Eine der Erkrankten war Frau Prinz, Mutter von vier Kindern, das älteste davon war ein 12-jähriges Mädchen. Sie stieg im Fieberwahn in einer kalten Oktobernacht aus dem Fenster.

 

Nur mit einem Nachthemd bekleidet rannte sie quer über den gefrorenen Acker zu dem Haus, in dem ihre Kinder bei der großherzigen Frau Dorn in Obhut waren. Die Kranke durfte keines ihrer Kinder in die Arme schließen. Wirr verlangte sie nach ihrem Mann, hatte keine Erinnerung daran, dass er sich fernab vom Dorf in russischer Kriegsgefangenschaft befand.

 

Sie konnte in ihr Bett zurückgebracht werden, zog sich aber eine schwere Lungenentzündung zu. Kurze Zeit später wurde sie in einer vom Sägewerk gezimmerten Kiste in dem zweirädrigen Karren vom Berg zum Friedhof gefahren. Ihr Mann kehrte erst 1947 aus der Gefangenschaft zu seinen Kindern zurück.

 

Ein ähnlich schweres Schicksal erlitt die Familie Lücke, die in dem ehemaligen Gehöft am Friedhof gewohnt hat. Mit Ausnahme der zwei Kinder der Tochter raffte der Typhus die ganze Familie dahin.

 

Die Liste der an dieser heimtückischen Krankheit gestorbenen Dorfbewohner ist länger, als sie auf der Gedenktafel im Vorraum der Kirche ausgewiesen ist. Zu wenige Einwohner waren nach so vielen Jahren noch aussagefähig.

 

Um dem freiwilligen und ehrenamtlichen Einsatz aller in einer gesetzlosen Zeit auf dem „Berg“ tätig gewesenen Kräfte ein unvergessenes Andenken zu bewahren hat der Schmachtenhagener Heimatverein e.V. am Gutshaus in Schmachtenhagen eine Gedenktafel angebracht. Diese ist nachträgliche und erhofft auch nachhaltige Ehrung.

 

Zur Enthüllung der Gedenktafel am 14.Dezember 2014 waren auch die damalige Helferin Frau Piesick (geb. Glier) und die zur Typhuszeit 12-jährige Tochter der gestorbenen Frau Prinz anwesend.

 

Kurt Müller

aus Erinnerungen und aus der Schulchronik.